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Berlinale

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TEDDY TODAY (Page 2)


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TEDDY goes transsexual
Guest Column by Björn Seidel-Dreffke

„TEDDY goes transsexuell“ wird im Gegensatz zu „TEDDY goes to Russia, Arabia, China“ wahrscheinlich auch heute noch eher verschwommene Vorstellungen hervorrufen. Vielen schweben da sicher spontan Männer in Frauenkleidern vor, bemitleidenswerte Geschöpfe, die nicht dies und nicht das – eines aber bestimmt sind: anders. Dennoch zeigt doch gerade dieser neue TEDDY, dass nach der schwullesbischen Emanzipation nun auch die eigentlich seit den 1990er Jahren begonnene Emanzipation der Transsexuellen endlich mehr und mehr eine seri-öse Öffentlichkeit findet. Gab es zu Beginn der neunziger Jahre erste Versuche, selbstbewuss-te Selbsthilfegruppen aufzubauen, hat sich zum Beispiel heute in Berlin schon ein breites Netz für transsexuelle Aufklärungsarbeit herausgebildet, welches die gesamte Vielfältigkeit dieser Lebensart – und des besonderen Selbstgefühls repräsentiert. Dennoch ist das Bewusstsein für das Wie und Warum selbst in der „queeren Community“ noch eher schwach ausgebildet.

Video: Andrea Winter interviews Bjoern Seidel-Dreffke / Guest Columnist "TEDDY goes transsexual"

In diesem Zusammenhang sei auf den Berlinale-Film „Schau mir in die Augen Kleiner“ (RE: André Schäfer) verwiesen. Er stellt einen kompakten und informativen Querschnitt durch die Geschichte des schwullesbischen und transsexuellen Films dar. Das zögerliche Herangehen an eine ernsthafte Aufarbeitung der Lebensweise wird thematisiert, auch das zunehmende Inte-resse der Filmemacher und die gestiegene Anzahl wichtiger Filme in diesem Bereich. Doch geht es auch hier nicht ohne veraltete Klischees. So verweist der Kommentator darauf, dass sich männliche Transsexuelle heute weniger zu Frauen würden umoperieren lassen, weil Ho-mosexualität zunehmend in der Gesellschaft akzeptiert würde. Die Gleichsetzung von TS-Frauen aber mit nicht zu ihrer Homosexualität stehenden Männern ist ein Vorurteil, welches nichts mit der tatsächlichen Befindlichkeit zu tun hat.

Wenn auch (noch!) nicht ausreichend dokumentiert (Betroffene verschweigen den Gutachtern oft ihre tatsächliche sexuelle Ausrichtung), ist es ein Fakt, und wer die Szene einigermaßen kennt, weiß es auch: Ein nicht geringer Prozentsatz der Mann zu Frau Transsexuellen bevorzugen Frauen und tun dies auch noch nach ihrer Umwandlung, was sie dann zu „neuen Lesben“ macht.

Video: Diana Naecke interviews Andre Schäfer

Und es gibt sie auch – die Frauen nämlich, die Männer werden, weil ihre Seele sich immer männlich fühlte. Und auch hier wiederum – das kaum in der Öffentlichkeit bekannte Phäno-men – ein gewisser Prozentsatz dieser neuen Männer lebt schwul (der Autor dieser Kolumne übrigens auch) und zwar egal, ob man vorher lesbisch oder heterosexuell war. Eine von „Transinterqueer“ (Berlin) organisierte Tagung im Herbst 2006 brachte ungefähr 20 schwule Transmänner zusammen, die von den entsprechenden Schwierigkeiten berichteten, akzeptiert zu werden. Und dies bei weitem nicht nur in der gemeinhin als „normal“ bezeichneten Gesell-schaft. So ist es für manchen schwulen Mann ein Schock, mit einem „schwulen Transmann“ konfrontiert zu werden. Erklärungszwang und unsichere Selbstdefinitionen ersticken hier über reinen Sex hinausgehende Beziehungsmöglichkeiten oft schon im Keim.

Aber auch hier ist der TEDDY Vorreiter, neue Horizonte zu öffnen und Grenzüberschreitung (auch die im eigenen Ich) möglich zu machen. Von den queeren Berlinale Filmen zum Thema ist „Dasepo Sonyeo“ (RE: E. J-Yong) beson-ders hervorzuheben. Den südkoreanischen Filmemachern gelingt auf imposante Weise eine bestimmte Sichtweise auf die Problematik, die, obwohl humorig angelegt, das Thema doch ernst nimmt und darüber hinaus typisch in östlichen Denk- und Sichtweisen verankerte Vor-stellungen einfließen lässt. An einer imaginären Schule finden in einer Klasse nicht nur ein Einäugiger Platz, sondern auch ein Mädchen, welches oberhalb des Bauchnabels normale Frau, unterhalb aber ein Mann ist.
 
 


TEDDY GOES TRANSSEXUAL

Die Liebe eines Schulkameraden zu ihr muss deshalb scheitern, obwohl sie dennoch sehr selbstbewusst bleibt, und es zu keiner überzogenen Dra-matik kommt. Ein anderes Mädchen der Klasse freundet sich mit einem Transvestiten an, beide werden schließlich in die Unter-Anderswelt entführt, wo jeder sein darf wie er möchte. Der Schuldirektor selbst entpuppt sich als ein mann-weibliches Mischwesen, als Magier, der sich auch zuweilen in einen Drachen verwandelt. Archaische Vorstellungen vom Magier, der männliche und weibliche Potenzen in sich bergen muss, um zur Zauberkraft zu kommen bzw. der Umstand, dass früher gerade Mischwesen Zauberkräfte zugeschrieben wurden, wird umspielt und verweist auf eine mythologische Dimension der Problematik.

Video: Andrea Winter interviews Olivier Meyrou - Director "Célébration"

Weiter verweisen Mythen oft darauf, dass sich Drachen vom Blut der
Jungfrauen speisen (gemeint ist hier die Energie, oft mit Blut symbolisch ausgedrückt). Hier macht der Schuldirektor deshalb durch einen Trick alle entjungferten Mädchen wieder zu Jungfrauen. Ein Aufstand der Schüler da-gegen lässt zuerst die Mädchen aktiv werden, wovon beim Schuldirektor-Drachen erst recht die weiblichen Kräfte geweckt werden. Erst das Vorgehen der männlichen Schüler gibt ihm die Komplementärenergie, die ihm sozusagen zu einem Megaorgasmus und damit ihm und der Schule zur Erlösung verhilft. Das asiatisch konnotierte Spiel zwischen Yin- und Yang-Kräften wird also hier auf sehr unterhaltsame Weise in Szene gesetzt.

Die ersten Reaktionen auf den Beitrag entsprechen dem, was heute insgesamt noch für den Umgang mit Transsexualität typisch ist. Man meint Schräges, Schillerndes, Abgefahrenes, zu Belächelndes zu sehen und verkennt doch die tiefere, und einfach auch tragischere Dimension hinter der polierten Oberfläche. Untersucht man die ulturgeschichte einzelner Länder genauer, werden sich Hinweise auf transsexuelle Fragen aus den verschiedensten Epochen finden. So war ich selbst erstaunt, als ich bei meinen Untersuchungen zur russischen Philosophie der Jahrhundertwende auf ein Buch des sehr umstrittenen Denkers W. Rosanow stieß („Menschen des Mondlichts“, 1911), welcher Gefühle und Überlegungen einer transsexuellen Frau aufzeigt, aus ihrer Biographie zitiert und sich insgesamt sowohl zur Homosexualität als überhaupt zu uneindeutiger Ge-schlechtlichkeit bzw. dem Wunsch nach Geschlechtswechsel schon zu dieser Zeit sehr tole-rant äußert.

Es ist wünschenswert, dass sich noch mehr Filmschaffende auch in Zukunft der transsexuellen Thematik widmen werden (Material in Gegenwart und Geschichte gibt es genug!!!), und man parallel zu Entwicklungstendenzen beim schwullesbischen Film nun daran geht, die gesamte Bandbreite transsexuellen Lebens darzustellen.


Today´s Column by Björn Seidel-Dreffke

 
 

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