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· Interview mit/with Wieland Speck
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Berlinale

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Teddy Award 2006

Interview mit/with Wieland Speck (Page 2)


Gab es damals auch Kritik daran, durch einen Preis die Filme in Konkurrenz zu bringen? Bei der Gründung des Forums war das ja immerhin ein sehr wichtiger Abgrenzungspunkt gegen das etablierte Festival: „Keine Wettbewerbssituation schaffen“.

Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation in der er lebt

Als die Idee für den Teddy entstanden ist, hatte man aber schon bemerkt, dass ein Preis den Filmen nützt. Zum Beispiel deshalb, weil die Presse gerne einen Aufhänger hat, um über einen Film zu berichten. Es ist auch wichtig - gerade bei einem Preis, der sich politisch versteht wie der Teddy - dass ein Filmemacher mit einem Preis von der Berlinale in sein Land zurück kommen kann, wo er aufgrund seiner Arbeit eigentlich geächtet ist. Die Zwickmühle, in die wir die Situation in bestimmten Ländern damit gebracht haben, hat uns natürlich besonders gut gefallen und die war auch sehr effektiv.

Ich mache auch in der Festivalvorbereitung immer wieder die Erfahrung, dass meine Frage nach dem schwullesbischen oder transidentischen Filmschaffen in vielen Ländern erst mal Sprachlosigkeit hervorruft. Aber weil es immerhin um die Berlinale geht, müssen sie dann eben doch gucken: Was ist denn da eigentlich? Das sind politische Fragen, die auch den Hintergrund für den Teddy abgegeben haben. Deshalb haben wir uns auch nie die Frage gestellt, ob wir den Teddy noch brauchen. Die Presse hat diese Frage immer mal wieder aufgeworfen. Man meinte, das Thema habe sich erledigt, weil es nun schon schwule Bürgermeister gibt. Es hat sich aber längst nicht erledigt - bei uns nicht und schon gar nicht in den meisten Ländern dieser Welt, wo es weiterhin einen absoluten Nachteil bedeutet, schwul oder lesbisch zu sein.

Ist der Rückblick auch ein "Blick zurück im Zorn"?

Die ersten zehn Jahre Teddy waren harte Aufbauarbeit. In den zweiten zehn Jahren ging es je nach den politischen Begebenheiten mal rauf, mal runter. Am Anfang waren vor allem Filme aus Amerika und Europa stark vertreten. Später hat in immer mehr Ländern die Emanzipation Fuß gefasst hat und es wurde möglich, Filme zu schwullesbischen Themen zu machen. Aber in vielen Ländern sind Schwule und Lesben und daher auch Leute, die Filme zu diesem Thema machen, nach wie vor geächtet. Einen Film aus dem Iran über eine Transsexuelle zu zeigen, wie wir das vor drei Jahren gemacht haben, war eine Sensation. Die Vorsichtsmaßnahmen waren enorm, denn das ist weiterhin eine hochpolitische Angelegenheit.

"Das Patriarchat ist nach vor die ruling power."

Es betrifft aber bei weitem nicht nur islamische Länder. In unserem Nachbarland Polen wurde vor kurzem ein Mann zum Präsidenten gewählt, der einen solchen Hass gegen Schwule und Lesben streut, dass viele Menschen darunter Schaden nehmen, auch physisch. Schwule und Lesben werden in Polen derzeit angegriffen von Neonazis und die Polizei tut nichts dagegen. Das zeigt uns deutlich, dass wir noch längst nicht da sind, wo wir denken, dass wir seien, wenn wir hier in den Kneipen und auf den Dancefloors eine gemischte, sich vergnügende Crowd haben.
 
 

Die politische Situation hat sich prinzipiell nicht verändert. Das Patriarchat ist immer noch die ruling power auf diesem Planeten und zwar in jedem einzelnen Land. Und das Patriarchat fühlt sich extrem angegriffen von Männern, die da nicht mitmachen.

Du hast bereits betont, dass der Teddy ein politischer Filmpreis ist. Hat sich die Ausrichtung des Preises verändert, seine Definition bzw. die Absichten die man damit verbindet?

Das hat sich schon verändert, vor allem bei uns „im Westen“, wo zunehmend auch mehr schwule und lesbische Figuren integriert in Filmen zu sehen sind. Bis in die Siebziger mussten Schwule am Ende des Films ja tot sein, es sei denn, man hat sie sowieso nur als Pausenclown durchs Bild geschickt. Es hat bis 1980 gedauert, bis die ersten Filme auftauchten, in denen tatsächlich lebende, fühlende und Glücksmomente habende Homosexuelle aufgetaucht sind.

Scene from Fucking Åmål, Teddy award winner 1999


"Bis in die Siebziger mussten Schwule am Ende des Films tot sein."

„Teddyrelevant“, so haben wir das am Anfang ausgedrückt, ist jeder Film, der ein schwullesbisches Thema vorantreibt. Es ist völlig egal, ob der Filmemacher oder die Filmemacherin schwul oder lesbisch sind, es geht um die Auseinandersetzung: Wie leben Schwule und Lesben? Wie wird gefühlt? Wo steht der Kampf? Wo steht die Politik? Am Klarsten ließ sich das auflösen an den frühen kämpferischen Dokumentarfilmen, da ist Wut und Energie dahinter. In den Mittachtzigern wurde AIDS zum Thema. Auch da gab es wütende Filme über das Nicht-Reagieren der Politik. Aber es waren auch Filme, die gezeigt haben, wie ein Sozialgefüge in der schwulen Wahlfamilie funktioniert.

Das waren wichtige soziologische Schritte, die die Schwulen da gemacht haben. Sie haben unter anderem das gesamte Krankenhauswesen verändert, zum Wohle aller, denn es wird dort nun ein ganz anderer Umgang mit chronischen Krankheiten gepflegt. Das ging darauf zurück, dass sich eine Minderheit nicht damit abfinden wollte, dass sie nun krank wird und ausstirbt - was viele von der rechten Politik damals natürlich ganz gerne gesehen hätten. Viele Filmemacher, deren Filme wir gezeigt haben und die den Teddy gewonnen haben, sind an AIDS gestorben, etwa Derek Jarman, aber auch Manfred Salzgeber.

Neben diesen schwierigen, bitteren Themen ging es aber zunehmend auch darum, Lebensfreude auszudrücken. Die 70er Jahre waren historisch die erste Lebensfreudephase für Homosexuelle. Diese Lebensfreude wurde durch AIDS extrem in die Enge getrieben. Die „Überwindung“ von AIDS durch politische Arbeit, durch soziale Arbeit, durch künstlerische Arbeit, durch medizinischen Fortschritt, der zum Teil auf der Straße erzwungen werden musste - all dies hat dazu geführt, dass auch wieder die Lebensfreude gefragt ist. Das heißt, wir haben wieder mehr Unterhaltungsfilme, meistens bissige Komödien. Darüber hinaus hat sich ein Markt entwickelt, der Homosexuelle als Konsumenten ausmacht, und auch das spiegelt sich natürlich in den Filmen wieder. Es gibt mittlerweile einige Filmverleihe und Weltvertriebe, die sich auf schwullesbische Filme spezialisieren, andere führen sie ganz selbstverständlich in ihrem Programm. Diese Situation hat sich deutlich verbessert.

 
 

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